NZZ 200131

Globale Resilienz

Was die «Kollapsologie» beschäftigt, bewegt offensichtlich eine wachsende Zahl von Menschen: Wie schlimm wird der Klimawandel? Was bedeutet er für die Lebensmittelversorgung, für Migration und Sicherheit? Und wie kann man sich darauf vorbereiten?

Am 31. Januar 2020 portraitierte die NZZ den Agrarwissenschafter Pablo Servigne. Sein Buch «Comment tout peut s’effondrer» (Wie alles zugrunde gehen kann), geschrieben mit dem Komplexitätsforscher Raphaël Stevens, zitiert die deutsche Bundeswehr, den Weltklimarat, Stanford-Biologen und einen Vermögensverwalters zu drohenden Hungersnöten, Stromausfällen und zu sich selbst überschätzenden Zivilisationen. Die beiden Autoren untermauern diese eindrücklichen Aussagen mit einem Überblick, was die Wissenschaft über den Zustand des Planeten weiss, untermauert. Die NZZ würdigt das Buch als grossen Verdienst, denn nach wie vor verharren die Erkenntnisse von Klimaforschern, Biologen oder Agrarwissenschaftern oft in deren jeweiligem Fachgebiet.

Grégoire Chambaz, Milizoffizier der Schweizer Armee, nimmt einen anderen Standpunkt ein. Das grösste Risiko für die Schweiz sieht er in ihrer «Ignoranz und Arroganz», die verhindert, dass sie sich ihre eigene Verwundbarkeit eingesteht. Er bezieht sich auf den Anthropologen Joseph Tainter, der sagt, Gesellschaften müssten ständig neue Probleme lösen. Das erfordere neue Regulierungen und Hierarchien. Die Komplexität steige, der Energieverbrauch ebenso. Diese Spirale drehe sich immer weiter, während der Nutzen von zusätzlicher Komplexität und Energieverbrauch abnehme – bis es keine Energiereserve mehr gebe. In unserer Zivilisationsgeschichte musste unsere Gesellschaft zum Überleben ihre Gesamtdynamik immer wieder mal ändern. Dazu reiche es, fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung zu mobilisieren, um die Kriterien zur Legitimation der Regierenden zu ändern: «Wenn ihr zusammen etwas unternehmen wollt, euch miteinander koordinieren wollt – auf geht’s.»

Das Echo der Zeit vom 30. Mai 2020 führt diese Diskussion fort: Was soll mit unseren ganz neuen Erfahrungen während der Corona-Krise anders werden? Wann, wenn nicht jetzt, ist der Moment, um darüber zu reden? Damit die Krise ein Weckruf sein kann, muss man sie in ihrer ganzen Dramatik verstehen, sagt die Philosophin Svenja Flasspöhler. Ein Zurück zur alten «Normalität» würde auf einen Kollaps zulaufen. Wir müssen vorausdenken und früh genug handeln. Wir müssen global erkennen, dass es nur noch ein Vorwärts gibt, indem wir uns fragen, welche Elemente wir nach der Corona-Krise auf welche Weise wieder hochfahren wollen. Mit unseren jetzigen Erfahrungen haben wir erkannt, wie schnell die Menschen ihr Handeln ändern können, wenn der Wille und der Druck stark genug sind. Da Daten und Zahlen uns emotional zu wenig ansprechen, stellt sich die Frage, wie wir vom Wissen ins Handeln kommen. Was sollen wir tun? Wie wollen wir leben? Bisher abstrakte Erfahrungen von Homeoffice wurden während dem Lockdown real erlebbar. Sie eröffnen uns ganz neue Denkräume. Muss ich mich wirklich für dieses Meeting ins Flugzeug setzen oder geht das nicht viel einfacher per Videokonferenz? Flasspöhler folgert: «Es geht um unsere lebenswerte Zukunft.»

Lesen Sie mehr zur Globalen Resilienz in meinem Blog-Eintrag vom 3. April 2020.

Und Sie? Was denken Sie zur Kollapsologie, ist sie ein hilfreicher Zugang zur Stärkung der Globalen Resilienz? Schreiben Sie an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Bleiben Sie gesund und bleiben Sie verbunden. 
Ihre Regula Hug 

 

Bild: © Anthony Anex / Keystone (NZZ vom 31.1.2020)

 

 

 

 

 

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